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| Schluss mit schlechtem Schlaf und lahmem Liebesleben. Verspricht zumindest die Dame von der Feng-Shui-Beratung. Behält sie Recht? von HILDE MALCOMESS
st unser Eingang vielleicht doch zu dunkel für ein gutes Chi? Lässt die große Fensterfront im Wohnbereich den kosmischen Atem zu schnell durch den Rum flüchten? Und dann noch diese Ermahnungen in punkto Sauberkeit: Staub und Dreck sind nämlich ganz schlecht für das Chi. Staugefahr! Sollte die Putzfrau also öfter kommen? Drängende Fragen, die endlich einer Zeitgemäßen Klärung bedürfen. Ein Fall für Feng Shui (sprich: Fong Schuei), den letzten Schrei aus Fernost. Früher blätterten wir Ästheten in "Schöner wohnen", heute beziehen wir unsere Anregungen aus der chinesischen Wissenschaft von der harmonischen und Erfolg verheißenden Raumgestaltung: An die neunzig deutschsprachige Titel hält der Buchhandel über die Erfahrungswissenschaft von Feng (Wind) und Shui (Wasser) bereit. Wer ganz "in" sein will, leistet sich einen von etwa 2000 in Deutschland tätigen Feng-Shui-Beratern und befindet sich damit in guter Gesellschaft: British Airways, Commerzbank, Siemens, Canon, Shell, Hotels, Supermärkte, Einzelhandelsgeschäfte, Anwälte setzten ihre Geschäftsräume dem kritischen Blick der Wohlfühl-Experten aus. Erfolgsmeldungen von glücklichen Kunden und beglückenden Bilanzen machen die Runde. Her mit dem Glück! Her mit der Energie bei Arbeit, Sport und Spiel. Schluss mit dem schlechten Schlaf, dem lahmenden Liebesleben, dem schweren Gang an den Schreibtisch. Die Sommerurlaubslektüre über "Feng-Shui im Alltag" hat die Neugier angestachelt und die Hoffnung beflügelt. Wo alles glückt, kann ich allein nicht fehlen, beschließe ich und bitte Sabine Kriete-Neumann vom Internationalen Forum Feng Shui e.V. in Bergisch Gladbach, uns zu beglücken, Pardon, zu beraten. Gleich unterhalb des Busens der Dame
baumelt ein Kristall, dessen Leuchtkraft mich zurückweichen lässt.
Er blinkt so energiegeladen und alarmierend hell, dass der Blick sofort
nach oben flüchtet, zu dem freundlichen Gesicht der Enddreißigerin.
Kurze dunkle Haare, schwarzweißer Pulli, schwarze Hose, sachlicher
Typ. Ein wenig unsicher bitte ich sie herein. Einen Grundriss unseres
Hauses hatte sie schon zwei Wochen vor ihrem Besuch erbeten, das Jahr
unseres Einzugs, unsere Geburtsdaten und eventuellen Krankheiten abgefragt.
Solche Sorgfalt weist Sabine Kriete-Neumann als seriös aus, auf
einem Markt, der von Scharlatanen wimmelt.
eben ihr steht jetzt einer dieser klobigen Vertreterkoffer der meine schlimmsten Befürchtungen weckt: Bestimmt will sie uns Windspiele, Bleikristalle, Bambusflöten und ähnlich kuriose Hilfsmittel zur Harmonisierung unseres Lebens verkaufen. In der Linken hält sie eine flache, quadratische Scheibe, in deren Mitte ein großer Kreis mit chinesischen Schriftzeichen eingelassen ist. "Ich habe vor ihrem haus schon die Himmelsrichtung bestimmt. Das geht wirklich prima, gar kein Metall in der Erde", sagt sie geschäftig, und wir verstehen, dass das goldschimmernde Gerät der vielgerühmte chinesische Kompass, Lo Pan, ist. Die Himmelsrichtungen, so werden wir in den nächsten Stunden lernen, geht über alles; zumindest in jener hochtechnischen Variante des Feng Shui, die unsere Beraterin nach den Lehren des Großmeisters Yap Cheng Hai praktiziert. Bis aufs Grad genau müsse sie die Lage der Räume erfassen, versichert die ehemalige Reisekauffrau. Beinahe wortlos, einen chinesischen und einen deutschen Kompass immer zur Hand, geht sie von Zimmer zu Zimmer, mist erneut, hört zu, wenn wir erklären, wo wir uns wohl fühlen, und blickt verständnisvoll, wenn ich mit ratlosem Gesicht im einst so geliebten, sonnigen Schlafzimmer klage: "Ich weiß nicht warum, aber hier fühle ich mich seit einiger Zeit unbehaust."
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Beim Anblick scharfer kanten zuckt sie nicht zusammen, Mikrowelle und Elektroherd nimmt sie hin, die topfpflanzenlosen Räume provozieren kein mitleidiges Kopfschütteln, große, vorhanglose Fenster provozieren keinen Entsetzensschrei. Überhaupt tut sie nichts von dem, was ich nach der Lektüre meines Ratgebers befürchten konnte. Sie spricht nicht von geschickt platziertem Grünzeug, netten Textilien und energieverstärkenden Kristallen. Auch der ungesaugte Teppichboden scheint nicht das schlimmste zu sein. Nein, unsere Expertin hört und schaut und zieht sich dann zum Zeichnen und Rechnen an den Esstisch zurück. Ein wenig verunsichert überlassen wir sie ihren Buntstiften, Tabellen und Messgeräten. Im 4. Jahrhundert nach Christus taucht der Begriff Feng Shui erstmals in einem Buch über Landschaftskunde auf. Er bezeichnete damals das sehr viel ältere, lebensnotwendige Wissen um die Wahl des geeigneten Siedlungsortes: Dabei galten Wind und Wasser als die entscheidenden Kriterien. "Heute", bilanziert der promovierte Sinologe und Feng-Shui-Forscher Manfred Kubny, "ist Feng Shui in Europa und den USA eine Modeerscheinung wie vor Jahren Tai Chi, Qi Gong, die chinesische Medizin. Es ist ein großes Gesellschaftsspiel, das dem Bedürfnis des Westens entgegenkommt, seinen ohnehin hohen Lebensstandard weiter zu erhöhen und seine Umgebung zu ästhetisieren." Die Wechselwirkung zwischen Mensch und Lebensraum wird nach Feng Shui vom Fluss der Energie (Chi) bestimmt. Kann diese Lebensenergie ungehindert durch eine Wohnung mäandern, ist die Chance groß, dass ihre Bewohner gesund, erfolgreich und im Einklang miteinander leben. Doch das Cha, die Störenergie, lauert überall: große Schränke, scharfe Kanten, spitze Formen, aber auch Unordnung hindern den Fluss. Zu dieser recht allgemeinen Erkenntnis gesellen sich individuellere Regeln für eine den Bewohnern entsprechende Ausformung des Lebensraums. Das Geburtsdatum, die acht Himmelsrichtungen, die fünf Elemente Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser, die neun Zonen des Bagua, Funktionsbereiche auf der Grundlage eines ideellen Grundrisses, bilden die Koordinaten für die Analyse eines Gebäudes und seiner Bewohner.
radzahlen hin, Elemente her: Entscheidend, so erklärt
unsere Beraterin, sei der persönliche Eindruck. "Ich muss
die Kunden sehen: ihre Gesichtszüge, ihre Art sich zu kleiden und
sich in ihrem Heim zu bewegen." Nach einer Dreiviertelstunde Rechnerei sehen wir den Grundriss unseres Hauses mit neuen Augen. Jetzt ist er mit orangenfarbenen Linien versehen, die wie eine Sonne aus dem Mittelpunkt des Hauses strahlen. Sie markieren die Himmelsrichtungen. Über den völlig unregelmäßigen Bauplan des Hauses und Teile des Gartens erstreckt sich jetzt ein hellblaues Netz von neun gleichen Rechtecken. Überall stehen verschiedenfarbige Zahlen von plus neunzig bis minus neunzig. "Das Arbeitszimmer ist der für Sie ungeeignetste Raum des ganzen Hauses. Dort haben Sie einen persönlichen wert von minus neunzig." Ich schlucke und staune. Dem kleinen Sohn haben wir Rabeneltern ein Zimmer zugewiesen, in dem auch er seine persönliche Tiefstnote von minus neunzig hat. Wie konnte ich nur so unsensibel sein? Ein "Setzen! Sechs!" -Gefühl macht sich breit. Im Schlafzimmer sieht es auch nicht viel besser aus: ein Wert von minus 60 und ein bett, das quer zu unserer idealen Himmelsrichtung steht. Mein Mann und ich, so hat die Kennerin anhand der Geburtsdaten errechnet, gehören zur Gruppe der Westmenschen, unser einjähriger Sohn gehört in die Ostgruppe- das bedeutet: Räume, die an der entsprechenden Seite des Hauses liegen oder deren Fenster sich nach dieser Himmelrichtung öffnen, tun uns wohl. Wer bei der arbeit und in Liebesdingen seine Idealrichtung im Blick hat, dem sind Erfolg und Glück beschieden. Nur im Schlaf und auf geschäftlichen Reisen sollte man seine beste Richtung im Rücken haben. Der niederschmetternden Diagnose folgt der befreiende Therapievorschlag: "Sie sollten einige Räume tauschen. Das wird den Schlaf, die Arbeit und die Partnerschaft fördern". Unser Bett soll ins Kinderzimmer, der Sohn in mein Arbeitszimmer und mein Schreibtisch ins vormalige Schlafgemach wandern. Fragend blicke ich zum Gatten, doch der bleibt angesichts dieser dreifachen Umzugsempfehlung ganz locker. "Das kann man ja mal probieren", sagt er so leichthin, als sollte er nur ein neues Tischtuch auflegen.
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Als hätte die Dame eine Zauberformel gesprochen, fühle ich mein Herz augenblicklich entlastet: Ja, raus aus diesem Arbeitszimmer, raus aus dem Schlafzimmer! Warum bin ich nicht schon längst darauf gekommen! Ein kreativer Schub beflügelt uns: Mit nie gekanntem Elan tragen wir in den nächsten tagen Bücher, Betten und Babyklamotten hin und her, misten aus, kaufen ein. Vergessen ist jetzt die Mühe, die das Räumchen-wechsle-dich-Spiel mit sich brachte. Nun steht der Schreibtisch nach Südwesten ausgerichtet, in meine Erfolg und Glück verheißende Richtung. An den großen Fenstern hängen nun luftig gelbe Stores mit sanft orangefarbenen Blumen, die die strenge Atmosphäre meines Arbeitsplatzes mildern und mir enormes Wohlgefühl vermitteln. Diesen Faktor hatte ich bis jetzt schändlich vernachlässigt. Die Arbeitsstätte hatte praktisch zu sein, sonst nichts. Welch ein Fehlschluss. Jetzt ist mir leicht ums Herz, wenn ich auf den Computer zustrebe. Liegt´s an Feng Shui, liegt´s am neu erwachten Bewusstsein für die Balance des Raumes zwischen Konzentration und Behaglichkeit? Hauptsache, es wirkt.
uch die Nachtruhe hat von der neuen Raumaufteilung profitiert. Wir alle, so scheint es, schlafen leichter ein und besser durch. Der persönliche Wohlfühlfaktor des Sohnes ist im neuen Kinderzimmer von minus neunzig auf plus siebzig hochgeschnellt, wir Erwachsenen haben uns auch auf plus siebzig verbessert. Jeder liegt in der ihm gemäßen Himmelsrichtung: das Kind mit dem Kopf nach Osten mein Mann und ich in die westliche Richtung. Ein Segen nur, dass wir beide zur Westgruppe gehören, also dieselbe Ausrichtung brauchen. Wie Schade wenn mein Haupt fortan dort ruhen sollte, wo der Gatte seine Füße hat. "Es gibt Paare, denen muss ich das im Interesse eines erholsamen Schlafes empfehlen", belehrt uns die Expertin. Vier Stunden verbrachte Sabine Kriete-Neumann bei uns. Um 480 Mark hat sie uns erleichtert und um verblüffende Einsichten, etwa in der uns gemäßen Farbwahl, bereichert. Ihre Beratung hat nicht nur die Arbeit beflügelt und den Schlaf befördert, nein, sie hat auch den kühlen Geschmack der neuen Adeptin korrumpiert. Bisher galt: An den Wänden hängt moderne Kunst, in den Regalen stehen Bücher und sonst nichts. Nippsachen sucht man bei uns vergeblich. Urlaubsandenken, Pötte, Figuren, Kastagnetten, die Fotos der Lieben am Kamin, dekorative Arrangements in aparten Schalen, all das ist tabu. Der Kranz an der Eingangstür des Nachbarn gilt uns als Inbegriff der Kleinbürgerlichkeit, den blinkenden Stern in den weihnachtlich geschmückten Fenstern belächeln wir milde.
as könnte sich ändern: Kürzlich schlenderte ich mit großen Augen durch einen dieser so genannten Geschenkartikelläden mit nutzlosen, meist kitschigen Accessoires: knallbunte Vasen, wacklige Kerzenständer, blumige Dekors und vor allem Herzen jeder Art: als Bilderrahmen, Salatschüssel, Kuschelkissen. Feng Shui und der Wohlfühlfaktor sind´s schuld, die puristische Kundin wird schwach. Zwei samtzarte, wohlig dicke, sinnlich rote Herzkissen thronen seit jenem Nachmittag auf unserem Bett. Und der Gatte , gewöhnlich noch viel strenger in seinem Geschmacksurteil, mag sie sogar. Ich bin stolz auf den Liebsten. Welcher Mann hätte die Folgen des esoterischen Spleens seiner Gattin ähnlich gebilligt? Womöglich ist auch diese Eintracht schon der harmonisierenden Wirkung des Feng Shui zu danken? Nicht zufällig war die erste Frage meiner Freundin Ulrike, selbst verehelicht mit einem ganz und gar bodenständigen Menschen: "Und was sagt dein Mann zu dem ganzen Feng Shui?" Im Einklang mit sich und der neuen Umgebung, empfiehlt sich die Korrespondentin fürs schönere Wohnen zwischen gelben Vorhängen und roten Schmusekissen. Na ja, ein paar Probleme gibt´s schon noch in unserem Leben. Aber mit deren Lösung warten wir auf den nächsten Trend aus Fernost.
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