Ein frischer Wind weht durch Deutschlands Wohnstuben.
Feng Shui heißt die alte chinesische Lehre vom richtigen Wohnen.

Sigrid Schulze hat sich informiert. Bild: Martin Zitzlaff.

Sabine Kriete-Neumann ist begeistert: Wie Annette und Josef Müller ihrer Diele gestaltet haben, gefällt ihr gut, wirklich gut. Der Raum ist hell, er ist freundlich, er sieht einladend aus – er zieht die kosmische Energie, die Lebensenergie, er zieht "Chi" förmlich an. Unwohl fühlt sie sich dagegen im Wohnzimmer. "Unglaublich viele Ecken und Kanten", stellt sie unglücklich fest. "Die zerschneiden das Chi in schädliche Energie, in Sha." Abhilfe könne leicht geschaffen werden – mit billigen Rundhölzern aus dem Baumarkt zum Beispiel oder mit hochrankenden Pflanzen. "Sie werden sich danach in diesem Raum deutlich anders fühlen", versichert sie den Müllers.

Das Ehepaar hat Sabine Kriete-Neumann als Feng-Shui-Beraterin engagiert. Feng Shui, das ist die Kunst, Lebensräume harmonisch zu gestalten. Seit sechs Jahrtausenden prägt Feng Shui bereits das Leben der Chinesen: kein Palast, der nicht nach Feng-Shui-Prinzipien gebaut wurde. Keine Bank in Hongkong, deren Eingang nicht nach Osten, Richtung Sonnenaufgang, gerichtet ist, um Reichtum und Erfolg hineinzulassen. Feng Shui lehrt, positive und negative Umwelteinflüsse zu erkennen, die negativen auszuschalten und die positiven für sich zu nutzen.

Feng Shui heißt wörtlich übersetzt "Wind und Wasser". Der Wind symbolisiert die Kraft und Energie des Himmels, das Wasser die der Erde.

Seit einiger Zeit erobern "Wind und Wasser" auch die westliche Welt. Kaum ein Markt boomt derzeit so kräftig wie das Geschäft mit der chinesischen Einrichtungslehre. "Wohl fühlen im Fertighaus mit Feng Shui", wirbt eine Firma in einer Wohnzeitschrift; "Feng Shui für Anfänger", nennt sich eines von vielen Seminaren, die an Volkshochschulen und Alternativeinrichtungen angeboten werden." Durch Feng Shui erfahren Sie, wie Sie Ihr Büro oder Ihre Lebensgewohnheiten so umgestalten, dass Sie Ihre Ziele mühelos erreichen", verheißen die zahlreichen Feng-Shui-Berater, die zu Dutzenden die Regale der Buchhandlungen füllen. Über das Internet lassen sich Glücksbringer jeder Art bestellen: Miniaturlöwen, Flöten, Edelsteinkugeln, Salzkristalllampen und Klangspiele: mit dem Ton der Sonne für 222 Mark, dem Ton des Mondes für 254 Mark und dem Ton des Jupiter für stolze 368 Mark.

Das Ehepaar Müller, 39 und 42 Jahre alt, hat sich "schon immer ein bisschen für alternative Lebens- und Ernährungsweisen interessiert". Warum die beiden sich zu einer Beratung entschlossen haben? Weil Josef Müller sich selbständig machen und in der Wohnung ein Arbeitszimmer einrichten möchte. Und wer auf eigenen Füßen stehen will, der muss Kunden anlocken, um erfolgreich zu sein.

"Es ist wichtig, Besuchern das Gefühl zu vermitteln, dass sie gerne hierher kommen". Sagt Sabine Kriete-Neumann. Sie ist nicht nur Beraterin, sondern auch Geschäftsführerin des Vereins "Internationales Forum: Feng Shui e.V." mit Sitz in Bergisch Gladbach. "Sitzen Sie gerne an Ihrem Schreibtisch?" fragt sie Josef Müller, als sie dessen künftiges Arbeitszimmer betritt. Der überlegt nicht lange. "Nein, eigentlich nicht." Die Beraterin wundert das nicht: Der Schreibtisch steht genau zwischen zwei Türen im Windzug. Zudem fehlt im Rücken eine feste Wand, die ihm das Gefühl von Sicherheit geben könnte.

Der Blick schweift weiter und bleibt an einem Regal hängen. Dort stapeln sich Bücher und Hefte, liegen Fotos zwischen Aktenordnern, Urlaubsmitbringsel neben Notizen. "Ich bin kein Mensch, dem die Ordnung in die Wiege gelegt worden ist", setzt Sabine Kriete-Neumann vorsichtig an. "Doch Ordnung ist die erste Feng-Shui-Maßnahme überhaupt." Die Philosophie, die dahintersteckt: Wo alles seinen Platz hat, behält man den Überblick und findet sich zurecht – Neues kann entstehen. "Ordnung macht den Weg frei", sagen Feng-Shui-Kenner.

Der Zeigefinger der Beraterin weist in eine Zimmerecke: Hier würde sich ein Wasserfallposter gut machen. Der Wasserfall symbolisiere Reichtum – für den Josef in diesem Zimmer schließlich den Grundstein legen wolle. Nach dem Ba Gua, der jüngsten Feng-Shui-Diagnose, werden jedem Haus und jedem Zimmer acht Lebensbereiche zugeordnet: dazu gehören neben Reichtum auch Ruhm, Partnerschaft, Kinder, hilfreiche Freunde, Karriere, Wissen und Familie. Je nachdem, welchem Lebensbereich man sich verstärkt widmen will, schenkt man der entsprechenden Ecke besondere Aufmerksamkeit. Zwei rote Rosen oder Herzen in der Partnerschaftsecke sollen bei Singles Wunder wirken – und aus der Einsam- schnell eine Zweisamkeit machen. Zauberei? Oder purer Unsinn? "Eher ein Prozeß, sich Mißstände im eigenen Leben bewußt zu machen und sich für die eigenen Wünsche und Ziele zu sensibilisieren", sagt Sabine Kriete-Neumann.

Nicht alle, die von Feng Shui leben, gehen so verantwortungsvoll mit den Wünschen ihrer Kunden um. Viele unseriöse Berater versprechen Dinge, die sie nicht halten können. "Feng Shui ist nicht der Schlüssel aller Probleme", sagt auch Sabine Kriete-Neumann, "und Patentrezepte werden nicht verteilt." Als eine der acht Säulen der Traditionellen Chinesischen Medizin – neben der mittlerweile auch in der westlichen Welt anerkannten Akupunktur – könne es aber positive Energien vermitteln.

Die Beraterin hat sich die Wohnung der Müllers schon eine Woche zuvor angesehen und sich Gedanken über mögliche Veränderungen gemacht. Nun legt sie einen Wohnungsgrundriss auf den Tisch, auf dem für den Laien verwirrend viele Linien und Quadrate eingezeichnet sind. Das Haus, sagt sie, sei ein Erdehaus. Sowohl Annette als auch Josef Müller gehörten zur Westgruppe, was schön sei, denn sie betteten nachts den Kopf in die selbe Richtung und erholten sich beide gut in dieser Lage. Annette Müller tue das Element Feuer gut und sie solle sich daher mit roten Farbtönen umgeben. Josef Müller hingegen brauche gelbe und braune Farben, um zu mehr positiver Energie zu finden.

Der chinesische Kalender ordnet dem Geburtsdatum eines Menschen eines der fünf Elemente zu – Holz, Feuer, Erde, Metall oder Wasser. An dem jeweiligen Element, so Sabine Kriete-Neumann, lasse sich ablesen, wie der Mensch veranlagt sei, welche Wesensart er habe. Das Element gebe auch vor, welcher Farben ihm helfen, seine innere Balance zu finden. Und in welche Richtung er sein Bett drehen sollte, um gut zu schlafen. Placebo-Effekt? Sabine Kriete-Neumann wehrt ab. Feng-Shui-Berater "versuchen, den Menschen wieder in Einklang mit sich, der Natur und seiner Umgebung zu bringen". Nicht mehr – aber auch nicht weniger. Nicht nur in China, auch in Europa sei einst intuitiv so gebaut worden, dass man sich in den Behausungen wohl gefühlt habe. "Früher hatte ein großes Haus ein großes Portal, ein kleines Haus eine kleine Tür – da stimmten die Proportionen. Die sanitären Anlagen – in denen viel Chi verloren geht – lagen hinter dem Haus", sagt sie. Heute gehe es vielfach beim Bauen nur noch darum, wie auf wenig Raum möglichst viel untergebracht werden könne.

Was also tun, wenn die Befürchtung wächst, dass in den eigenen vier Wänden Chi-mäßig einiges im argen liegt? Dass zum Beispiel eine Menge positiver Energie in der engen Diele stecken bleibt? Dass die Energie, die durch die Tür hineinfindet, flugs durch das gegenüberliegende Fenster wieder entfleucht? Ein Windspiel oder eine Kristallkugel beispielsweise könne die Flucht durchs Fenster verhindern, sagt Sabine Kriete-Neumann. "Aber wenn das Fenster zu klein ist, macht man es energetisch dicht. Dann geht zwar keine Energie mehr raus, aber es kommt auch keine mehr hinein." Und ein Spiegel könne zwar Chi einfangen und im Raum verteilen – aber am falschen Platz auch genau das Gegenteil bewirken. Den Energie verhalte sich wie Licht.

Die Meinungen über die Segnungen der alten chinesischen Lehre sind geteilt. Die einen sprechen von "Hokuspokus", während andere darauf schwören; und manch einer pickt sich heraus, was er persönlich für sinnvoll hält. Wer sich beraten lassen will, der muss mit einem Stundensatz zwischen 80 und 120 Mark rechnen. "Feng-Shui-Beratung ist die Kunst des Möglichen", sagt Sabine Kriete-Neumann. "Die Lösungen müssen lebbar sein. Will heißen: Sie müssen finanzierbar und praktikabel sein und der jeweiligen Lebenssituation entsprechen." Das haben auch Annette und Josef Müller während der vier Stunden erfahren, in denen sie mit ihrer Beraterin überlegt, diskutiert, vieles erklärt und erzählt haben.

Annette Müller resümiert die Tips, die sie erhalten haben: Regale umräumen, Schreibtisch versetzen, Wasserfallposter aufhängen, Bett in eine andere Richtung drehen, ein paar Rundhölzer anbringen, frische Blumen ins Wohnzimmer stellen. Alles Vorschläge, die sich leicht umsetzen lassen. Nur der Brunnen vor dem Eingang, der könnte ein paar Mark kosten.